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Renate Schoof geht ihren eigenen Weg, jenseits einer mehr und mehr in die Sackgasse unfruchtbarsten Avantgarde-Getues geratenden modischen Moderne, jenseits eines nur noch die alten Schemata wiederholenden Epigonentums. Sie ist dabei keine Anbeterin einer reinen Natürlichkeit, sondern ist fasziniert von dem Miteinander und Gegeneinander zwischen Mensch und Natur, von dem Berührtwerden und den Berührungspunkten zwischen Außen-welt und Innenleben.
Die Autorin beherrscht die Weckung und Ausdeutung der unterschiedlichsten Stimmungen – ebenso wie das Federleichte und Spielerische.

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„Einfach so leben im Abendlicht ohne Angst
vor der Nacht, vor dunklen Fragen
müde vom Antworten.“

Textprobe


Im Fluge

Schwärme bunter Buchstaben – aufgescheucht
wie wehrlos-winzige Fische, unsterblicher
als das freundliche Rufen der Wale –
durchqueren wissend, träumend, spielend
in unfassbaren Ordnungen ihre Räume in
archaisches Wirrwarr, geordnet wie
Schulkinder nach dem Regen.

Gelassen, manchmal auch liebestrunken,
gleiten Definitionen in Flüssen bergan,
hinauf ins Quellgebiet, springen zurück
ins Ursprüngliche und treiben dann
mit dem Strom wieder bergab, begleitet
von Metaphern und hungrigen Möwen,
heimwärts ins Offene.

Inspirationen tanzen im Licht auf Wellen,
überwinden federleicht Schwerkraft.
Gleich Sternbildern kreisen Utopien,
weisen Wege in ein froheres Morgen.
Zuckende, zündende Geistesblitze
zwischen ziehenden Wolken
und mächtigen Albatrossen.


Ambulanz

In Memoriam Stéphane Hessel und
Jewgeni Jewtuschenko

Im KZ, sagt der alte Mann, haben mich Gedichte
gerettet, beschützt gegen die Kälte, die Enge, den
Durst, gegen Hunger und Angst. Nacht für Nacht,
Goethe und Hölderlin, Baudelaire und Rimbaud,
Keats und Rilke gegen Verzweiflung, gelernt
als Kind, by heart, mit dem Herzen gelernt,
für Helen, die Mutter.

Jewtuschenko, sagt ein anderer. Zwischen
Elektroschocks und Psychopharmaka: Gedichte.
Hab den Verstand behalten, meine Seele und
das bisschen Darüber. Er winkt ab. Eine
Familientragödie, Misstrauen, falsche Sorge,
schon fast vergessen. Aber der Dichter, der
wollte alles Liebe küssen mit einem einzigen Kuss.

Wie Krankenwagen sollten Gedichte sein. Ambulanzen
für die Beschädigten, sagt ein Dritter. Und zugewunken
haben sich Erntearbeiterinnen und Reisende in seinen
Gedichten, als winke das Leben sich selber zu. Den Krieg
hätte er fast nicht überlebt, der Jewtuschenko, sagt jemand,
hat ihn selber gesehen, den großen Russen, in Berlin, die
Bühne des kleinen Theaters fast sprengend, neben dem
Brandauer, Klaus Maria. Eine Bombe, 1943 aufs Dach
der Moskauer Schule, falsch montierter Zünder, weit weg
im Feindesland Sabotage, mit Leben erkauft. Der Rektor
hat es den Schülern gezeigt, damals in Moskau. Und
Menschen wie Anna Seghers’ Georg Heisler, sagt er, die
hat es wirklich gegeben. Saboteure auf Leben und Tod.


Ewigkeit

Manchmal halte ich die Zeit an,
einfach so. Und während ich
stehenbleibe, hält auch sie still.

Blätter winken noch einen Moment –
bis der Wind unmerklich verstummt.
Sommerlicht über endloser Ruhe.


Um zu wachsen

Sich selber Rätsel bleiben – Wunder,
überraschend.

Tag für Tag neu leben, erleben,
AußenIch und InnenIch, innerlich,
sich finden, verlieren, und
rätselhaften Spuren folgen, Anhaltspunkten.

Sich erkennen lernen. Und: enttäuschen,
sich und andere ent-täuschen, ehrlich sein.
Steigen und fallen, tanzen und forschen, denken
und fühlen, anhäufen und verstreuen. Üben,
stündlich neu zu sein, sich zu häuten um zu wachsen.

Und manchmal einfach die alte
Tarnkappe überstülpen, um der
Reibung gegen den Wind zu entgehen.
Und großzügig zu sein. Mit sich und
mit anderen.